Queere Erinnerungen vom Closet zur Cloud
Archivarische Fürsorge für Film und Video neu denken
DOI:
https://doi.org/10.17892/app.2025.00021.415Schlagworte:
Archiv, Kuratierung, Digitalisierung, audiovisuelles Erbe, Fürsorge, Ethik, KI, Metadaten, queer, LGBT+, Lesbian Home Movie Project, bildwechsel, Schwedisches Archiv für queere Bewegtbilder, Schwedisches FilminstitutAbstract
Archive sind keine neutralen Orte, an denen Materialien einfach aufbewahrt werden, sondern epistemische Infrastrukturen: Sie prägen aktiv, wie Geschichte erzählt wird, wie kulturelles Gedächtnis entsteht und wer daran teilhaben kann. Die Anerkennung queerer Lebensentwürfe und Erfahrungen kommt allerdings bei den meisten Archiven zu kurz. Dieser Artikel untersucht die Archivierung und Zugangsgestaltung von Film und Video in Hinblick auf queeres kulturelles Gedächtnis. Im Mittelpunkt stehen die ethischen und politischen Fragen, die sich aus der Digitalisierung und Verbreitung audiovisuellen Kulturerbes ergeben, insbesondere vor dem Hintergrund europäischer Urheberrechtsregelungen sowie des Einsatzes von künstlicher Intelligenz und generativer KI, die auch mit digitalisiertem Kulturerbe trainiert wird. Zwar führt die Anerkennung queerer Geschichte in Archiven und Museen häufig zu einer politisch gewünschten Sichtbarkeit. Diese Sichtbarkeit birgt jedoch wegen der Vulnerabilität queerer Personen Ambivalenzen (Schaffer). Deshalb ist es notwendig, Archiventscheidungen kritisch zu reflektieren, so etwa im Hinblick auf Zugangsregelungen, Metadaten und Beschreibungen. Auch Retrodigitalisierung sowie der Einsatz von Metadaten und Tags bei der Veröffentlichung historischer und zeitgeschichtlicher Materialien auf digitalen Plattformen werfen Fragen nach der ethischen Verantwortung von Archivar_innen auf.
Der Artikel plädiert für eine Ethik der Fürsorge bei der Gestaltung des digtialen Zugangs zu queerem audiovisuellen Erbe. Ein solcher Ansatz verschiebt den Fokus weg von einzelnen Archivobjekten hin zu Beziehungen und Prozessen und betont die Verantwortung von Archivar_innen gegenüber Communities und zukünftigen Nutzer_innen. Besonders in sogenannten Mikroarchiven hat sich wichtiges Wissen über eine solche Care-Ethik entwickelt. Diese Archive arbeiten mit Praktiken, die auf Vertrauen, Fürsorge und einem Bewusstsein für Vulnerabilität beruhen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass dieses Wissen verloren geht, wenn Mikroarchive zunehmend mit großen nationalen Kultureinrichtungen zusammenarbeiten. Der Artikel stützt sich auf Forschung aus langjährigen Kooperationen mit dem Schwedischen Nationalen Filmarchiv (SFI), dem Swedish Archive for Queer Moving Images (SAQMI), bildwechsel in Hamburg sowie dem Lesbian Home Movie Project in Maine (USA). Er gliedert sich in drei Teile: Zunächst wird die Anerkennung queeren Filmerbes in Schweden analysiert, anschließend folgen Fallstudien zu Care-Praktiken in Mikroarchiven, bevor abschließend die Chancen und Risiken institutioneller Zusammenarbeit diskutiert werden
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